Boris van der Vorst – Exklusivinterview (I)

Das olympische Boxen steckt in der Krise. Boris van der Vorst gehört zu einer Gruppe Gleichgesinnter, die den neuen internationalen Verband „World Boxing“ gegründet haben, um die Interessen der Boxer in den Vordergrund zu stellen und das Boxen im Zentrum der olympischen Bewegung zu halten. Im ersten Teil des Interviews mit BOXSPORT spricht der Niederländer über die Chancen für einen Neubeginn.

Vorst
Im April 2023 gründeten Boris van der Vorst und andere Mitglieder der „Common Cause Allianz“ den Verband World Boxing. (Foto: Privat)

Dänemark, Norwegen, Schweden – in den kommenden Monaten werden weitere Länder folgen. Ende Juli war Boris van der Vorst in Skandinavien unterwegs. Auf seiner Reise traf der Niederländer, der den neuen Weltboxverband World Boxing mitbegründet hat, mit Funktionären nationaler Boxverbände zusammen, um sie für World Boxing zu gewinnen: den Weg zu einer neuen, skandalfreien Ära im olympischen Boxen und einem internationalen Verband, der auf den Grundsätzen der Integrität, Ehrlichkeit und Exzellenz beruht.

Ende Juni hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Ära der International Boxing Association (IBA) beendet, indem es der IBA den offiziellen Status des Weltverbandes im olympischen Boxen entzog – und damit einen Schlussstrich zog unter Jahre des Missmanagements, intransparenter Finanzen und Korruption im Kampfrichterwesen. Im Interview mit BOXSPORT erklärt van der Vorst, der dem Interims-Vorstand von World Boxing angehört, für welche Werte und Ziele der neu gegründete Verband steht. Und wie es gelingt, auch das IOC davon zu überzeugen.

Herr van der Vorst, das IOC hat der IBA den Status des offiziellen Weltverbandes für das olympische Boxen entzogen. Ist diese Entscheidung richtig?
Boris van der Vorst: Wir begrüßen die Entscheidung der IOC-Sitzung, der IBA die Anerkennung zu entziehen. Viele nationale Verbände wussten, dass dies kommen würde, und haben versucht, die Richtung zu ändern, in die sich die IBA bewegt. Es ist eine logische Lösung für eine sehr lange Geschichte über Missmanagement, Fehlverhalten und schlechte Führung eines internationalen Sportverbandes, der seinen Status als selbstverständlich ansah.

Die DBV-Boxer um Nelvie Tiafack (l.) kämpfen demnächst auch unter dem Dach des neuen Weltverbandes „World Boxing“. (Foto: IMAGO / Zuma Wire)

Was bedeutet diese Entscheidung für das Boxen?
Insgesamt gibt dies dem Sport die Möglichkeit eines Neuanfangs. Wir haben uns sehr über die unterstützenden Worte von IOC-Präsident Thomas Bach gefreut, als er sagte: „Weil wir den Boxsport so sehr schätzen, glauben wir, dass die Boxer es voll und ganz verdienen, von einem internationalen Verband mit Integrität und Transparenz regiert zu werden.“ Wir sind dankbar, dass das IOC dem Boxsport nun im zweiten olympischen Zyklus in Folge betreut. Die Entscheidung und das Statement des IOC-Präsidenten machen deutlich, dass die IBA nie wieder ein Box-Turnier bei den Olympischen Spielen organisieren darf und dass ein neuer internationaler Verband unweigerlich erforderlich ist, um zukünftige olympische Box-Turniere zu beaufsichtigen. Dieser muss die sportliche Integrität wahren und nach den höchsten Standards in Bezug auf Governance, Transparenz und Finanzmanagement arbeiten.

Wie geht es nun weiter?
Es ist ein historischer Moment für den Sport. Alle nationalen Boxverbände müssen jetzt eine wichtige Entscheidung treffen, wenn sie wollen, dass Boxer aus ihrem Land die Möglichkeit haben, bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028 und darüber hinaus anzutreten. Wir fordern jeden nationalen Verband, dem Boxer und Boxen am Herzen liegen, auf, sich „World Boxing“ anzuschließen und in seinen Bemühungen zu unter- stützen: dafür zu sorgen, dass der Boxsport im Zentrum der Olympischen Bewegung bleibt.

Herr van der Vorst, Sie haben die Gründung von World Boxing (WB) maßgeblich vorangetrieben und gehören dem Interims-Vorstand an. Welche Aufgaben kommen auf den neuen Verband zu?
World Boxing wurde als Reaktion auf die anhaltenden Probleme im Zusammenhang mit dem internationalen Dachverband des olympischen Boxsports gegründet. Das Versäumnis der IBA, die langjährigen Bedenken des IOC in Bezug auf sportliche Integrität, Governance, Transparenz und Finanzmanagement auszuräumen, stellt die Zukunft des Boxens als olympische Sportart infrage. WB hat sich zum Ziel gesetzt, hier Abhilfe zu schaffen und dafür zu sorgen, dass Boxen eine olympische Sportart bleibt. WB wird sich um die Anerkennung durch das IOC bemühen und plant, konstruktiv und kooperativ an der Entwicklung eines Weges zu arbeiten, der dem Boxsport einen dauerhaften Platz im olympischen Wettkampfprogramm sichert. Wir gründen WB, um Vertrauen und Zuversicht in den Sport für die Zukunft zu schaffen.

Was sind die wichtigsten Werte und Ziele?
WB wird die Interessen der Boxer in den Mittelpunkt der Entscheidungsfindung stellen. Seine Arbeitsweise wird von strengen Governance-Praktiken untermauert, die darauf ausgerichtet sind, eine nachhaltige und integrative globale Sportstruktur zu schaffen, in der Boxer aus der ganzen Welt in dem Wissen antreten können, dass die Integrität des Sports gewährleistet ist und der Wettbewerb fair ist. WB gab im Rahmen der Ankündigung seiner Gründung fünf Versprechen ab, in denen es seine Prioritäten für den Sport, sein Engagement für die Boxer und seine Ziele als Organisation darlegt:

  • WB wird den Boxsport im Zentrum der Olympischen Bewegung halten
  • WB wird sicherstellen, dass die Interessen der Boxer an erster Stelle stehen
  • WB wird für sportliche Integrität und faire Wettkämpfe sorgen
  • WB wird eine Wettkampfstruktur schaffen, die im besten Interesse der Boxer liegt
  • WB wird nach den strengsten Governance-Standards und einem transparenten Finanzmanagement arbeiten.

Wie gestaltet sich der Austausch zwischen WB und dem IOC?
Wir sehen, dass das IOC die Situation in unserem Sport sehr genau beobachtet, da es sich um den olympischen Qualifikationsprozess kümmert. Die Vertreter der nationalen Verbände, die jetzt Mitglieder von WB sind, nutzen die offiziellen Kanäle, um mit dem IOC, den jeweiligen Nationalen Olympischen Komitees und weiteren zuständigen Organisationen über technische und sportliche Angelegenheiten im Zusammenhang mit dem Qualifikationsprozess für Paris 2024 zu kommunizieren. WB arbeitet derzeit an einem offiziellen Antrag auf Anerkennung durch das IOC.

Welche Anforderungen stellt das IOC?
Es gibt eine Liste von Kriterien für die Anerkennung von Verbänden, die wir bei der Planung unserer Entwicklung im Auge behalten. Wir glauben, dass wir derzeit auf einem guten Weg sind. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns, um zu beweisen, dass wir ein zuverlässiger Partner für alle Interessengruppen innerhalb der Olympischen Bewegung und darüber hinaus sein können.

Interview: Frank Schwantes

Teil zwei des Interviews findet ihr hier.

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